Komponisten

Stephan Winkler

Stephan Winkler
Portraittext

„Ich glaube, dass man sich zunehmend wieder bemüht, eine Verbindung zu finden zwischen den strukturellen Ansprüchen an Komplexität, die man hat, und dem Wunsch danach, auch unmittelbar zu kommunizieren. […] Ich glaube, dass die Europäische Kunstmusik in ihrer Geschichte wesentliche Impulse aus der Spannung zwischen diesen Polen gewonnen hat: hier der Anspruch an Stilisierung und strukturelle Komplexität – da der Wunsch nach Unmittelbarkeit des Ausdrucks […], die vielleicht nicht unbedingt notwendigerweise mit struktureller Komplexität einhergeht.“ So äußerte sich Stephan Winkler in einem Rundfunkinterview zu grundlegenden, auch sein eigenes musikalisches Denken bestimmenden Entwicklungen der gegenwärtigen europäischen Kunst¬musik. Die in dem Zitat angedeutete Vielschichtigkeit ist eine der prägenden Eigenschaften in Winklers Musik, die gleichzeitig hochkomplex gearbeitet und methodisch wie strukturell äußerst artifiziell entwickelt ist, gleichzeitig aber eine oftmals sehr unmittelbar erfahrbare, eingängige, von sprachlichen Aspekten oder von populären Musikformen beeinflusste Schicht aufweist. Auch eine Affinität zum Visuellen ist in Stephan Winklers Werk von Bedeutung, was sich in seiner intensiven Zusammenarbeit mit verschiedenen Videokünstlern manifestiert.

Viele Kompositionen Winklers rekurrieren auf mehrere kulturelle Einflüsse unterschiedlichster Prägung. So ist VOM DURST NACH DASEIN etwa von der buddhistischen Lehre beeinflusst und folgt in seiner Satzstruktur der Bilderreihe der sieben „Verhaftungen an die Welt“. Dem nachgestellt ist eine musikalische „Rede“, die auf einer Passage aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ basiert. Und die Klavierkomposition ANÄSTHESIE hat gleichermaßen Aspekte des Tempos in höfischer javanischer Musik zur Grundlage wie auch die Sprachaufnahme eines Dialogs aus einem isländischen Märchen.
Auch die kompositionstechnischen Aspekte in Stephan Winklers Musik sind vielgestaltig und komplex. Sein musikalisches Material basiert auf begrenzt transponierbaren, periodischen, aber nicht oktavbezogenen Skalen und Klangpermutationen, und er arbeitet mit mathematischen Spiel- und Simulationsmodellen. Spätestens seit COMIC STRIP (1998) ist die Phonetik des gesprochenen Worts ins Zentrum seiner musikalischen Arbeit gerückt. So liegt etwa seiner Orchesterkomposition VON DER NATUR DES MENSCHEN die präzise phonetische Transkription einer Fernsehdebatte zwischen Noam Chomsky und Michel Foucault aus dem Jahr 1971 zugrunde. Die Sprachmelodien sind sehr genau in die Komposition eingeflossen – allerdings musikalisch eingefasst, da den beiden Personen jeweils eine spezifische musikalische Reihe als klangliche Grundlage zugeordnet wird.

Das Geflecht aus äußeren Einflüssen und „Metatexten“ der Komposition und ihren vielschichtigen kompositionstechnischen Details verführt schnell dazu, dass die Rezeption der Musik Winklers auf dieser Ebene endet und die dahinter stehenden Ideen nicht wahrgenommen werden. Letztlich sind all diese Aspekte aber stets Mittel zum Zweck, letztlich steht hinter all dem immer noch eine weitere Ebene, etwas, das man als übergeordnete Idee, Frage oder auch Wahrheit, vielleicht auch als in Musik artikulierter „Zweifel“ oder, wie Else Gabriel in ihrem Text über Stephan Winkler im Booklet seiner WERGO-Portrait-CD schreibt, schlicht als „Kunst“ bezeichnen kann: „Stephan Winkler nimmt die mathematischen Möglichkeiten der Spiele ernst und als Methode, Musikstücke zu entwickeln, die bei aller Beschränkung der Mittel doch von großer Komplexität sind. Er bebildert keine trendige Populärwissenschaft. Er weiß, wann er den Rechner verlassen muss, zugunsten der Kunst. Er weiß auch, wann er die eingeschworenen Rituale und Grenzen der (neuen) Musik verlassen muss, zugunsten der Kunst. […] Die Musik, die Stephan Winkler entwirft, will bei aller Bescheidenheit und mathematisch kristallinen Struktur nichts weniger sein, als ein prächtiges und opulentes Gemälde. […] Vielleicht wird Stephan Winkler eines Tages die klar konturierten Muster noch stärker aufbrechen und uns mit ganz überschwänglichen, blumigen und undiszipliniert erscheinenden Kompositionen die Ohren verdrehen. Vielleicht sticht er noch dreister durch die Geschichte und legt uns abgründig getöntes Vanitasgewürm in die Gehörgänge. Könnte sein. Wir sind ganz Ohr.“

Termine

Termine

  1. 24.09.2019

    Taschenopernfestibal, Salzburg

    • Gordon Kampe: "Malvolio" – eine Taschenoper nach William Shakespeare (UA)
    • Stephan Winkler: NEUES WERK (UA)

    Inszenierung: Thierry Brühl, Österreichisches Ensemble für Neue Musik, Leitung: Peter Rundel

Archiv

  1. 21.11.2018, 19:30

    Theater- und Konzertsaal Solingen

    Stephan Winkler: "schweres tragend". Kleines Musiktheater für zwei Sänger, fünf Instrumentalisten und Elektronik

    Thierry Bruehl (Regie), Ensemble Musikfabrik, Ltg.: Clement Power

  2. 18.10.2018, 18:00

    HfM Hanns Eisler, Berlin, Hörsaal 151

    Stephan Winkler spricht in der Vortragsreihe "Lieblingsstücke" zum Thema: "Absencen — eine kurze Abschweifung über das Abdriften in Kunst und Musik"

  3. 23.09.2018, 19:04

    WDR 3 "Hörspiel"

    "Die Landschaft". Von Eugen Egner
    Komposition: Aaron Glast und Stephan Winkler

  4. 04.09.2018, 00:05

    Deutschlandfunk Kultur, "Neue Musik"

    "Von 'Sirenen' bis zum 'Engel des Herrn'. Die Taschenoper - Musiktheater in Miniaturform" EIne Sendung von Egbert Hiller u.a. mit
    Stephan Winkler: "Schweres tragend" (Ausz.)

  5. 14.11.2017, 00:05

    Deutschlandfunk Kultur: "Neue Musik"

    "Sprachmelodien – Komponieren entlang der Sprache" - eine Sendung von Hubert Steins mit Werken u.a. von Stephan Winkler

  6. 23.09.2017

    Salzburger Taschenopernfestival

    Stephan Winkler: "Schweres tragend" Musiktheater zu einem Text von Max Goldt (UA)

    Die Aufführung wird am 26.9., 27.9. und 28.9. wiederholt.

  7. 20.08.2017, 16:00

    Musik 21 Festival, Hannover

    Stephan Winkler: "GRÜNBEINS MUSIK" für Violine und Zuspielungen

    Lenka Zupkova, Violine

  8. 23.10.2016, 23:04

    WDR 3, Studio Neue Musik

    STEPHAN WINKLER: "Anästhesie I"
    für zwei Pianisten (Ausz.)

  9. 07.06.2016

    ARGEkultur Saal, Salzburg

    Stephan Winkler - Gesprächskonzert
    darin:
    • "GRÜNBEINS MUSIK"
    • "SISU.RMX"
    • "ZIGZAG2DEATH"

    ensemble mosaik

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