Komponisten

Sebastian Stier

Sebastian Stier
Portraittext

Die Musik von Sebastian Stier zeichnet sich durch klare Strukturen im musikalischen Klangraum sowie durch die Arbeit mit differenzierten variablen Formen aus. „Das Komponierte ist komplex“, schreibt Stefan Drees, „ordnet sich aber schon bald in verschiedene Ereignisschichten, die um so klarer erscheinen, je länger man dem musikalischen Verlauf zu folgen bereit ist.“

Oliver Schneller schreibt im Booklet zu der Portrait-CD von Sebastian Stier: „Ein auffälliges Merkmal der Musik Sebastian Stiers ist eine geradezu mitreißende Körperhaftigkeit, eine Kinetik voller Wucht und Muskel transformiert sich in federnd leichte Behändigkeit, in grazile Dehnungen und Spreizungen oder zart gespannte Flächen, deren porenartige Vertiefungen schließlich nur noch leicht beben. Körperhafte Klänge wachsen zu Landschaften an, zerklüftete Klangbilder entstehen aus Ballungen, Vorsprüngen, Aus- und Einbrüchen, Schichtungen, elastischer und reflexartiger Energieverteilung.
Aus einzelnen Instrumentaltönen oder durchorganisierten Klangkollektiven der Ensembles wachsen Tongestalten gliedhaft hervor, überwuchern, durchdringen und spalten einander und wirken doch in jedem Moment ihres rhizomartigen Gedeihens genau gesteuert und kontrolliert. Die freigesetzten harmonischen und melodischen Kräfte sind stets durch eine präzis artikulierte Rhythmik gebannt, die die belebten Klangkomplexe mit sicherer Hand fasst und leitet.“

Exemplarisch für diese Kompositionsweise ist Stiers Ensemblekomposition „Double“ (2000). Hier stellt Stier die Idee des melodisch ausgeschmückten Suitensatzes auf den Kopf: „Als Double“, so Stier, „wurden in der Musik des Barock bekanntermaßen verzierte und melodisch ausgeschmückte Wiederholungen von Sätzen einer Suite bezeichnet. Dabei war entscheidend, dass die Form des Stückes und das harmonische Gerüst beibehalten wurden. In meiner Komposition geht es eher um einen umgekehrten Vorgang, um einen Prozess der Reduktion und Entschlackung einer überladenen Anfangssituation.“ Daneben verweist der Titel „Double“ auch auf ein Geflecht von Korrespondenzen der Instrumente (z.B. Harfe/Flöte, Trompete/Kontrabass oder Klavier/Schlagzeug) untereinander sowie auf Strukturprozesse, von denen Dopplungen und Gegenläufigkeiten das Stück prägen.

Auch verweisen viele Titel Stiers auf räumliche, geometrische oder physikalische Sachverhalte. Neben„Fluchtlinien“ sind hier z.B. „hin her“ (2002/4), „Strahlensatz“ (2006) oder „labiles Gleichgewicht I/II“ (2009/2014) zu nennen. Auf vielfältige Weise finden sich kompositorische Korrespondenzen zum Werktitel in der Komposition „Strahlensatz“ für 12 Streicher umgesetzt: Sich vergrößernde oder verkleinernde musikalische Proportionen, die auseinander laufen, oder sich gegenläufig kreuzen, prägen die Struktur von Stiers Komposition. Ähnlich des Ausgangspunktes eines „Strahlensatzes“ in der Geometrie bildet das Unisono den Ausgangs- und Endpunkt in Stiers Komposition. Der einzelne Ton steht als Ideal hinter Allem, wird allerdings nur andeutungsweise erreicht. Verhindert wird der einzelne Ton durch zeitliche Verschiebungen, bedingt durch die Kanon-Strukturen der Komposition, ebenso wie durch klangliche Verschiebungen: Bei einigen der Instrumente wird jeweils eine Saite vierteltönig umgestimmt, wodurch ein „verbreiterter Ton“ (Stier) entsteht, eine Art Mikro-Cluster, das bis zu einer vierteltönig ausgefüllten kleinen Terz anwachsen kann.

Für zwei seiner Werke hat Stier als Titel den physikalischen Begriff des „labilen Gleichgewichts“ gewählt: ein Gleichgewichtszustand eines Körpers, der durch eine – auch kleinste – Störung irreversibel gestört wird, so dass der Körper nicht mehr in seine ursprüngliche Lage zurückkehrt. Stier schreibt zu diesen Werken: „Als Komponist liebe ich Situationen, in denen sich Strukturen verselbständigen und aus dem Ruder laufen, Systematiken in sich zusammenfallen, Muster sich wundlaufen und nicht mehr tragen – wenn also die Form aus dem Gleichgewicht gerät und Energieströme irreversibel von ihrem Ausgangspunkt wegdrängen. Dann nämlich eröffnet sich ein Horizont an Möglichkeiten, der zunächst Freiheit verspricht, gleichzeitig aber die Kontingenz meiner Entscheidungen aufzeigt, mithin als quasi erste Möglichkeit die des Scheiterns beinhaltet. Solche formalen Probleme sind für mich auch deswegen faszinierend, weil ich sie oft nicht nur konstruktiv-kalkulierend lösen kann, sondern auch auf meine Phantasie und Intuition zurückgeworfen werde – Kategorien, die ich lange Zeit (absichtsvoll) in meinen Kompositionen vernachlässigt habe.“

Termine

Termine

Archiv

  1. 17.11.2018, 20:00

    Eckernförde, Kirche Borby

    Sebastian Stier: "Monolith"

    Ensemble Reflexion K

  2. 08.07.2018, 17:00

    "Randfestspiele" Zepernick

    Sebastian Stier: "abgestecktes Gelände 2"

    Ensemble JungeMusik Berlin

  3. 12.03.2018, 21:04

    kulturradio vom rbb

    Sebastian Stier: "Strahlensatz" für 12 Streicher

    Ensemble Resonanz

  4. 23.11.2017, 18:00

    HfM Hanns Eisler, Charlottenstr. 55, Berlin

    Sebastian Stier spricht in der Vortragsreihe "Lieblingsstücke" über seine Musik

  5. 30.10.2017, 19:30

    Kulturkirche St. Stephani, Bremen

    Sebastian Stier: "nichts kräftiger" für Schlagquartett

    Bremer Schlagzeugensemble, Ltg.: Olaf Tzschoppe

  6. 29.10.2017, 17:00

    Sankt Annen Kirche, Zepernick

    Sebastian Stier: "nichts kräftiger" für Schlagquartett

    Bremer Schlagzeugensemble, Ltg.: Olaf Tzschoppe

  7. 28.10.2017, 20:00

    Festival "intersonanzen" Potsdam

    Sebastian Stier: "nichts kräftiger" für Schlagquartett

    Bremer Schlagzeugensemble, Ltg.: Olaf Tzschoppe

  8. 27.10.2017, 19:00

    Konservatorium Magdeburg

    Sebastian Stier: "nichts kräftiger" (UA) für Schlagquartett

    Bremer Schlagzeugensemble, Ltg.: Olaf Tzschoppe

  9. 30.09.2017, 21:00

    pyramidale-Festival Berlin, Ausstellungszentrum Pyramide

    "Studie um ein Zitat" für Klavier

    Nadezda Tseluykina (Klavier)

  10. 06.07.2017

    Randfestspiele Zepernick

    Sebastian Stier: "- he -" für Akkordeon, Klarinette und Streichquartett (UA)

    Christine Paté (Akkordeon), Matthias Badczong (Klarinette), SONAR Quartett

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