Komponisten

Annesley Black

Annesley Black
Portraittext

Musik erzeugt Bewegung – und umgekehrt. Annesley Black belässt es in ihren Kompositionen nicht bei diesem Gemeinplatz, der letztendlich auf jede Form von Musik zutrifft, sondern sie konkretisiert physische und rituelle Analogien von Sport und Musik. Sie thematisiert Bewegung und Körperlichkeit, die mit Klangerzeugungen jeglicher Art einhergehen. Diese Beziehungen werden unterschiedlich ausgelotet, die Werke nicht auf nur eine Herangehensweise beschränkt. Dafür adaptiert die gebürtige Kanadierin Phänomene und Prinzipien aus Sport und Spiel, die sie ihren Kompositionen als Strukturen zugrunde legt oder aber gegenständlich auf der Bühne austragen lässt. Werke wie „Fight“ und „Lauf“ tragen bereits im Titel diese Bezüge in sich.

Das traditionelle konzertierende Prinzip – das Wetteifern der Musiker – führt Black in vielen Stücken in ein außermusikalisches Extrem. So interagieren in „smooche de la rooche II“ (2007) die drei Schlagzeuger zunächst instrumental miteinander, tragen abschnittsweise „games“ aus und nehmen dabei die Rollen des (Gegen-)Spielers und des Schiedsrichters zugleich an. Anschließend schreibt die Partitur präzise Bewegungsabläufe mit Springseilen vor, die vorerst als Klangerzeuger, dann als tatsächliche Sportgeräte eingesetzt werden. Die Musiker werden auf der Bühne an Grenzen der physischen Belastbarkeit getrieben und werden dabei vielmehr zu Athleten als zu Schauspielern; Schwitzen und schweres Schnaufen sind bewusst einkalkuliert. Dadurch vermeidet Black Künstlichkeit oder Theatralik, weil das Seilspringen nicht mehr nur eine kurzweilige Geste bleibt, die originell sein möchte, sondern zum Wesentlichen des kompositorischen Denkens wird. Auch in „SCHLAEGERMUSIK“ (2010) entstehen die Klänge durch natürliche oder modifizierte Bewegungsabläufe eines Badmintonspiels, dessen unbeachtete Nebenprodukte die Klangresultate einst waren, nun aber zum Gegenstand der Komposition geworden sind.

Eine andere Form von Ausdauer erfordert „tender pink descender“ (2009) den zwei Bassklarinetten ab, die eine fortdauernde rhythmische Komplexität im ersten, und diffizile Obertontechniken im zweiten Teil bewältigen müssen. Die spieltechnischen Schwierigkeiten beherrschen zu können, wird zu einer körperlichen Herausforderung. Die Gegenpole Bewegung und Stagnation finden sich – wie so oft in Blacks Werken – aber auch hier als formale Prozesse konstruiert.

Dass die Verbindung von Physischem und Klingendem auch ironisch ins Gegenteil verkehrt werden kann, zeigt „4238 De Bullion“ (2007/8) für Klavier und live-elektronische Klang- und Videobearbeitung. Die Videobilder und das Agieren der Pianistin sind nicht durchgängig deckungsgleich, sondern verschieben sich zunehmend und lassen die Frage nach den jeweiligen Klangquellen – ob live oder zugespielt – offen. Kraft dieses kontroversen Spiels von Bewegung und Klangerzeugung beweist Black ex negativo erneut deren natürliche Einheit und löst zudem das zeitliche Kontinuum auf: „Bei jedem Ereignis ist es fraglich, in welchem Zeitraum wir uns befinden“, so eine Grundidee ihres Klavierstücks.

Auf die rituellen Zusammenhänge, die durch institutionelle Verankerungen von Sport und Kultur gleichermaßen gegeben sind, geht Annesley Black in „Jenny’s last rock“ (2012) ein. Dabei beleuchtet die Komponistin den kanadischen Volkssport Curling und sammelte sich mit Interviews, field recordings und Videomaterial die nötigen Klangquellen zusammen. Ausgehend von drei YouTube-Videos, die den finalen Steinwurf eines prestigeträchtigen Turniers aus unterschiedlichen Perspektiven dokumentieren, bildet sie die Konstellation von Zuschauer, Athlet und Musiker im Stück ab und konstruiert ihre Wechselwirkungen neu. Die Geräusche eines über Eis gleitenden Steins und Fanjubel sind dabei zu identifizieren, die Musiker spielen tapes ab, auf denen sie sich zuvor selbst aufgenommen haben, und setzen sich und ihre Leistung so dem Publikum aus. Über das rein Physische hinaus werden die sozialen Komponenten von Sport und Spiel thematisiert, die über ihre charakteristische Klanglichkeit identifiziert und weiter auf gesellschaftliche Zustände übertragen werden können.

Auch „Humans in Motion“ (2007/8) für Ensemble reiht sich in diejenigen Kompositionen ein, in denen das Fortbewegen musikalisch illustriert wird: Im ersten Teil bewegen sich die Ensemble-Mitglieder im gemeinsamen Tempo durch plötzlich wechselnde Landschaften. Im zweiten Teil bewegen sich die Musiker durch eine sich allmählich verändernde Landschaft in verschiedenen Geschwindigkeiten. Auf einer weiteren Ebene betont Black den aber soziokulturellen Kontext der musikalischen Elemente, namentlich charakteristische Klänge der südafrikanischen Kalimbas und Banjos. Überhaupt geht ein persönliches Hörempfinden vielen ihrer Stücke voraus. Dabei schreibt sie ihren field recordings sowie sämtlichen klanglichen Fundstücken bestimmte Assoziationen und Qualitäten zu.

Ähnliches geschieht in „misinterpreting the 2008 south sudanese budget reform for the orchestra“ (2012). Auf die Art und Weise, wie sie in diesem Orchesterstück verschiedene Klangquellen und Einflüsse disponiert hat, entwickelt sich die Musik zu einem Schauplatz. Eine politisch-gesellschaftliche Kontextualisierung mit authentischen sudanesischen Gesängen, Protest-Märschen und field recordings ist durchaus beabsichtigt, wenngleich der Komponistin daran gelegen ist, das musikalische Ausgangsmaterial zu abstrahieren und in den Orchesterapparat zu transportieren.

„GURU GURU – Doppelrequiem für Steve Jobs und Karlheinz Stockhausen“ ist das Resultat einer Zusammenarbeit mit dem Komponisten Robin Hoffmann für die Wittener Tage für Kammermusik 2013. Stockhausens Konzeptstück „Plus-Minus“ lieferte hierfür die Vorlage, dessen Widersprüchlichkeit von Black und Hoffmann offen gelegt wird: Einerseits werden Parameter bewusst offen gehalten, andererseits aber an vorbestimmte Bedingungen geknüpft. Einen adäquaten Antagonisten stellt Apple-Begründer Steve Jobs dar, der mit seinen genormten Produkten für menschliche Individualisierung zu stehen glaubte: Beide waren elektronisch-technologische Pioniere, beide verstanden ihre eigenen Fortschritte als wesentliche Aspekte einer visionären gesamtheitlichen Weltanschauung. Auch hier wird der thematische Gegenstand mit den dazugehörigen Klängen vertont: den trivialen Anwendungssounds eines Macintosh.

Bei alledem ist die Musik von Annesley Black nicht dogmatisch nach üblichen und obligatorischen Rastern und innermusikalischen Strukturmodellen konstruiert, sondern bedient sich mit einem Realitätsbezug bewusst außermusikalischer Prinzipien und lässt dabei gerne wesentliche Entscheidungen offen. Nur so kann ihre Musik eine Dynamik sowie eine positive Art von Anstrengung entwickeln, die zuvor schon Ausgangspunkt ihres kompositorischen Denkens waren.

von Julian Kämper

Termine

Termine

  1. 23.06.2019, 21:05

    Deutschlandfunk, "Konzertdokument der Woche"

    Annesley Black; "scrap"

    Ensemble LUX:NM

  2. 13.07.2019

    Festival "Heroines of Sound" Berlin

    Annesley Black: "scrap"

    Ensemble LUX:NM

  3. 10.11.2019

    Festival Klangwerkstatt Berlin

    20 Jahre Editon Juliane Klein

    Sebastian Stier: NEUES WERK (UA)
    Annesley Black: "scrap"

    Ensemble LUX:NM

Archiv

  1. 07.06.2019, 19:30

    Prinzregententheater München

    Preisverleihiung der Ernst vo Siemens Musikstiftung

    darin: Annesley Black" "tolerance stacks" (excerpts) for five musicians and live-elektronics

    Ensemble Musikfabrik, Ltg.: Enno Poppe

  2. 05.06.2019, 20:00

    Elisabeth Schneider Stiftung, Freiburg

    Annesley Black: "FIGHT" für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott

    Ensemble Aventure

  3. 26.05.2019, 23:04

    WDR 3, "Studio Neue Musik"

    Annesley Black: "misinterpreting the 2008 south sudanese budget reform for the orchestra"

    hr Sinfonieorchester (Ltg.: David Robert Coleman

  4. 06.04.2019, 19:30

    Forum neuer Musik des DLF, Köln

    Annesley Black: "miniature" für Saxophonquartett

    ensemble 20/21

  5. 06.04.2019, 20:30

    Forum neuer Musik des DLF, Köln

    Annesley Black: "scrap" (UA) für Ensemble und Elektronik
    Gordon Kampe: "Dark Lux Suite" für Ensemble

    Ensemble LUX:NM

  6. 02.04.2019, 19:00

    KunstKulturKirche Allerheiligen Frankfurt a.M.

    Pull the Plug (2009) - Film Sophie Narr (Bildregie) und Annesley Black (Musik)
    Mit Bilder und Field-recordings aus Las Vegas und Venedig

  7. 25.03.2019, 21:04

    kulturrario vom rbb,"Musik der Gegenwart"

    "20 Jahre Edition Juliane Klein" - Eine Sendung von Margarete Zander im Gespräch mit Mathias Lehmann
    u.a. mit Ausschnitten aus
    • Hermann Keller: "Konzert für klavier und 13 Instrumentalisten"
    • Juliane Klein: "gehen"
    • Annesley Black: "aorko"
    • Michael Hirsch: "La Didone Abbandonata"
    • Joanna Wozny: "Return"

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